Samstag, 31. Dezember 2011

Der Kenotaph für Sir Isaac Newton

     
 
Étienne-Louis Boullée – ein Name, den wohl jeder Architektur-Student kennt. Der französische Architekt ist einer der bekanntesten Vertreter der klassizistischen Architektur wie auch der Revolutionsarchitektur. Aber vor allem ist der 1728 geborene und 1799 verstorbene Architekt das Hirn hinter einigen der gigantischsten und schönsten Konstrukte, die niemals gebaut wurden. Meist waren seine Vorstellungen für die oftmals öffentlichen Gebäude zu groß, zu mächtig, zu monumental um ihrer eigentlich simplen Aufgabe noch auf eine rationale Weise gerecht zu werden. Dennoch zeigen sich Boullées Ideen und Vorstellungen für seine Zeit sehr reduziert, fast karg und spiegeln dennoch ein geradezu imperialistisches Bild wieder. Albert Speer, der Architekt hinter Adolf Hitlers wahnhafter Welthauptstadt Germania, soll stark von Boullée inspiriert gewesen sein – eine Idee, die auch im Film Der Bauch des Architekten aufgegriffen wird. Und tatsächlich sind gewisse Parallelen nicht zu leugnen.
In seinem Buch La Théorie des corps erforscht Boullée eine Reduzierung der Architektur auf simple geometrische Grundformen wie die Pyramide, die Kügel, den Würfel und Zylinder. Etwas, das sich in vielen seiner Entwürfe wiederfindet. Ebenso wie die teils exzessive und sehr leidenschaftliche Arbeit mit Licht und Schatten. Einige seiner Gebäude sollten geradezu mystische Orte werden – die Architektur als solches sollte teils verschwinden, unsichtbar werden. Stattdessen sollten alleinig Licht und Schatten wirken, die durch architektonische Wege gelenkt werden – ein Bestreben, das erst viel später in der Romantik wieder aufgriffen wurde.

Bekannt wurde Boullée vor allem durch seinen 1784 entstandenen Entwurf eines Kenotaph für Sir Isaac Newton – einer Mischkonstrukt zwischen Denkmal und Grabstätte. Das Gebäude sollte aus einer einer Hohlkugel mit einem Durchmesser von 150 Metern bestehen, die in zwei konzentrische Ringstrukturen eingebettet wäre auf deren Mauern jeweils ringsherum Zypressen wachsen. Durch einen etwa zehn bis 20 Meter Hohen Eingang sollten Besucher ins Innere der Kugel treten, die durch Finsternis dominiert wäre. Nur durch unzählige kleine, gerade wenige Zentimeter große Öffnungen in der Kugel wäre am Tage Licht ins Innere gelangt und sollte so einen Sternenhimmel simulieren. Zur Nachtzeit hingegen würde die Kugel von einem ein Kronleuchter aus Metallringen mit einem dämmrigen Tageslicht erfüllt. Auf einer kleinen Plattform im Zentrum der Sphäre sollten die Besucher so stets ein Gefühl der Isolation und Verlorenheit empfinden – und die schiere Endlosigkeit des Raumes spüren. Währenddessen sollte ihr Blick sollte ihr Blick auf den Sarkophag Newtons fallen, der in der Tiefe der Sphäre platziert worden wäre aber stets im Zentrum der Lichtspiele gestanden hätte.
Sowieso hatte Boullée irgendwie einen Narren an Gedenk- und Grabstätten gefressen. So plante er mit dem Tombeau des Spartiates ein von ägyptischen Sarkophagen inspirierten Tempel zum Gedenken an die Nationalhelden des Landes. Auch riesige Pyramiden, hundert Meter hohe Tor-Konstrukte und kilometerbreite Arkaden-Anlagen mit Tempeln dachte er sich zusammen. Rein technisch wären diese wohl baubar gewesen. Doch Kosten und Raum standen in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Nutzen.

Mehr seiner Entwürfe finden sich auf der Étienne-Louis
Boullée-Seite
der Exposition réalisée avec le concours de vom La Délégation aux commémorations nationales und der Wikipedia.
 
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