Sonntag, 26. Februar 2012

Das Weiße Haus

     
 

Das Weiße Haus in Washington D.C. ist der Amtssitz des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika – und damit eines der bekanntesten Bauwerke überhaupt. Seine neoklassizistische Säulenfront mit der darüber wehenden Fahne findet sich in so ziemlich jeder dritten Zeitungsmeldung über die USA, in unzähligen Politthriller-Filmen wird eine kurze Sequenz des White House eingeblendet und natürlich wären da noch die abertausenden von Touristenandenken wie Tassen, T-Shirts, Postkarten und Schlüsselanhänger auf denen das Gebäude der Pennsylvania Avenue 1600 abgebildet ist. Da ist es schwer vorstellbar, dass das Weiße Haus heute auch anders aussehen, oder dem US-Präsidenten gar ein anderes Domizil als Amtssitz dienen könnte.

Nach dem Unabhängigkeitskrieg von 1775 bis 1783 und der Unterzeichnung der Verfassung im Jahre 1787 war George Washington von 1789 bis 1797 der erste Präsident der USA. Die Staaten waren damit gerade geboren; eine Regierung soeben eingerichtet. Eine Hauptstadt und Regierungsgebäude gab es noch nicht. Doch entschloss sich die frisch gewählte Repräsentanz 1790 eine komplette Hauptstadt aus dem Boden zu stampfen – eine Federal City. In der 10jährigen Übergangszeit bis zur teilweisen Fertigstellung des späteren Washington D.C. wurde Philadelphia, Pennsylvania zur Hauptstadt erklärt. Daher wurde von 1790 bis 1797 das noble Stadthaus des Politikers Robert Morris als Heim und Arbeitsplatz des Präsidenten angemietet. Die Stadtväter Philadelphias machten sich seinerzeit trotz allem Hoffnung, nicht nur eine Übergangslösung zu bleiben, sondern als stetige Hauptstadt des Landes zu fungieren: daher entstand nur einige Blocks von Morris Stadthaus ein Präsidentensitz (wenn irgendjemand hierfür Bildquellen hat, immer her damit) - vollkommen ohne die Einwilligung und das Zutun Washingtons. Der weigerte sich später, dies als Amtssitz anzunehmen. Und auch sein Nachfolger, John Adams, verblieb lieber im Morrishaus in der Market Street. Weiterhin blieb auch der US-Kongress seinem Beschluss für eine eigens angelegte US-Hauptstadt treu und erteilte Philadelphia eine endgültige Absage.

Während alldem plante und konstruierte der französische Architekt Pierre Charles L'Enfant die spätere Hauptstadt – deren Herzstück das spätere Weiße Haus werden würde. Er selbst hatte einen gigantischen Palast vorgesehen. Ein Gebäude, das Ehrfurcht einflößen und den Amerikanern gleichzeitig ein wohliges Gefühl von Heimat und Staatsverbundenheit vermitteln sollte. Wie das Präsidentenhaus aber genau ausschauen würde, darauf hatte L'Enfant wenig Einfluss: denn ein eigens ausgerufener Wettbewerb sollte darüber entscheiden. Insgesamt 9 Vorschläge wurden eingereicht – einer davon anonym von Thomas Jefferson. Die Wahl fiel am 16. Juli 1792 auf die Einreichung eines gewissen James Hoban – einem irischen Architekt, den Washington einen Monat zuvor schon getroffen haben soll. Die Inspiration dahinter waren Vermutungen zufolge unter anderem das Leinster House – der Sitz des irischen Parlaments – und das französische Château de Rastignac. Jedoch fand Washington Hobans Entwurf alles andere als perfekt. Es soll ihm an monumentaler Ausstrahlung, Größe und Schmuckhaftgkeit gefehlt haben. Daher wurden aus drei Etagen zwei gemacht und das gesamte Gebäude verbreitert und weitere Details abgeändert. Die Bauarbeiten begannen dann mit der Grundsteinlegung im Oktober '92 und dauerten über 8 Jahre. Was letztlich als Amts- und Wohnsitz des Präsidenten eingeweiht wurde, entsprach so gar nicht L'Enfants Größenvorstellungen: das Weiße Haus war knapp 5 Mal kleiner, als von dem Franzosen in seiner Stadtplanung vorgesehen. Dazu wurde aufgrund von stetig auftretender Materialknappheit ein wilder Mix aus Baumaterialien verwendet was wiederum Hoban missfiel: billige Ziegel mischten sich mit Naturklebstoffen, Sandstein verschiedenster Herkunftsorte.

Die Fertigstellung gelang erst nach Washingtons Amtszeit. So war John Adams der erste US-Präsident, der ins Weiße Haus einzog – und zwar am 1. November 1800. Nur wenige Jahre später, während des Britisch-Amerikanischen Krieges wurde das Weiße Haus 1814 durch britische Truppen in Brand gesetzt. Der gesamte Innenraum wurde dadurch zerstört; nur die Außenmauern waren noch erhalten, waren aber so geschwächt und brückig, dass auch sie für einen Rekonstruktion ungeeignet waren. Der Wiederaufbau war nicht ganz unumstritten; aber wurde dann doch recht prompt 1815 begonnen. Sowohl Hoban selbst als auch der Architekt Benjamin Henry Latrobe überwachten die Arbeiten, die 1817 beendet waren. So stand das Weiße Haus schließlich besser da, als es beim ersten Bau.

Während der Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges von 1861 bis 1865 wuchs die Regierung schnell. Und schon bald war das Weiße Haus ziemlich überfüllt. Dazu bereitete die Lage des Regierungssitzes Kopfschmerzen, liegt er doch damals nördlich eines Kanals und Sumpfgebietes, was Krankheiten wie Malaria Vorschub gab. Der General Nathaniel Michler nimmt sich dieses Problems an und unterbreitet den Vorschlag, das Weiße Haus einfach aufzugeben auf den Meridian Hill in Washington D.C. umzuziehen. Doch der Kongress stimmt dagegen.
Dennoch: der Plan das Weiße Haus umzubauen oder zu verlegen bleibt weiterhin eine interessante Gedankenspielerei, die immer wieder aufgegriffen wird...


Owens Pläne für eine Neugestaltung und Erweiterung des White House.

Der Politiker Robert Owen legte 1891 beispielsweise Pläne für eine umfassende Erweiterung des Weißen Haus vor – die auch eine Umverlegung nicht ausschließt. Seine Idee des Regierungssitzes ist recht skurril: er wollte den Originalbau (oder alternativ eine Rekonstruktion) erhalten und diese Links und Rechts quasi mit um 90 Grad gedrehten Nachbildungen des Originals versehen, so dass ein Gebilde in H-Form entsteht. In Front der Südseite würde damit ein kleiner Innenhof vfrei, der von einem großen botanischen Garten ähnlich dem Royal Greenhouses of Laeken abgeschlossen werden sollte.


Hendersons und Pelz' Konzept für einen wahren Präsidentenpalast in Washington D.C.

Nur wenige Jahre später, im Jahr 1898, macht sich auch Mary Foote Henderson, die Frau eines früheren US-Senators, für ein neues Weißes Haus stark. Und zwar eines, dass ihrer Ansicht nach die Stärke und Größe ungeschminkt widerspiegeln würde und gleichzeitig genug Raum für Arbeit und Arbeitskräfte bietet. Das von Architekt Hoban erbaute Gebäude sei „eine Schönheit aber nicht sehr praktisch“, sagte sie, und hätte ihrer Vorstellung nach später zum Museum umfunktioniert werden sollen. Der von Henderson beauftragte deutsch-amerikanische Architekt Paul J. Pelz – bekannt durch seine Arbeit an der Library of Congress – erdenkt einen gigantischen Palast, der auf einem Beton- und Steinfundament auf dem Meridian Hill thronen sollte. Zwei weite Treppen hätten hinauf zum eigentlichen Gebäude geführt, das entfernt an den Buckingham Palace erinnert, jedoch mit einer breiten Säulenfront geschmückt würde. Platz hätte es hier wahrlich genug gegeben. Riesige, weit vom Haupthaus entfernte Tore sollten vor Eindringlichen schützen. Ebenso die glatten Wände des künstlichen Plateaus, die mehrere Meter in die Höhe ragen sollten. Um das Gebäude herum sollte auf dem Gelände viel Grün vorherrschen – ein Park, den der Präsident für Spaziergänge und zur Entspannung nutzen könne. Dass sich direkt gegenüber des Präsidentensitzes die Villa der Henderson – das Henderson Castle – befunden hätte, ist sicherlich reiner Zufall.

Um 1911 gab es die Idee, im US-Bundesstaat Colorado – genauer: in den Rocky Mountains - ein dauerhaftes Western White House zu errichten. Der Geschäftsmann John Brisben Walker hatte mit Landspekulationen und der Übernahme des Cosmo Magazine ein Vermögen gemacht und sich und seiner Frau in Jefferson County, nahe dem Mount Falcon ein Schloss erbauen lassen. Daraufhin entschloss er sich, unweit seines mittelalterlich anmutenden Anwesens ein zweites Domizil im Stile der Märchenschlösser von Ludwig 14. zu schaffen und es dem Präsidenten der Vereinigten Staaten zu schenken. Wie in einem Zauberreich sollte das Steinbauwerk in den Felsen thronen, mehrere Türme sollten in den Himmel ragen und des Morgens wie in einer Zauberwelt aus dem Nebel auftauchen. Da Walker dieses Projekt nicht alleine tragen wollte, suchte er nach Spendern und fand sie auch: so sollen tausende Schulkinder jeweils 10 Cent beigetragen haben. Die arbeiten haben dann auch tatsächlich begonnen. Ein erster Eckpfeiler wurde errichtet und ein Denkstein gesetzt: „Summer Home for the Presidents of the United States - gift from the People of Colorado, 1911.“ Dann kam der erste Weltkrieg; das Geld wurde knapp, Walkers Frau verstarb und er verlor die Lust an dem Projekt. Letztlich brannte sein eigenes Schloss ab. So verlief sich das Sommerhaus-Projekt im Sand. Die Ruinen des Baubeginns sowie der Denkstein stehen jedoch noch heute und können besichtigt werden.

Alle Bilder gemeinfrei // Library of Congress
 
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