Sonntag, 1. Juli 2012

Das Sonnengewehr

     
 
Viele Geschichten um sogenannten Wunderwaffen des Dritten Reiches sind die irre Spinnereien von Neo-Nazis – wie etwa Reichsflugscheiben und Geheimstützpunkte in Neuschwabenland. Doch tatsächlich haben deutsche Wissenschaftler des zweiten Weltkrieges an aus damaliger Sicht atemberaubenden und wegweisenden Technologien geforscht: die Rakete V2, das Nachtsichtgerät Vampir und einer der ersten funktionalen Hubschrauber, der Focke-Wulf Fw 61. Andere Idee waren derart abgehoben und verrückt, dass sie aus Science-Fiction-Fiction-Romanen und James-Bond-Filmen stammen könnten. Allem voran: die Sonnenkanone von Hermann Oberth.

Bereits 1929, Jahre vor Hitlers Machtergreifung, hatte Oberth sein Konzept für die potentiell erste Weltraumwaffe entwickelt. In seinem Buch „Wege zur Raumschifffahrt“ stellte er sich einen 100-Meter großen Spiegel samt angekoppelter, bemannter Station vor, der in der Erdumlaufbahn schweben sollte und über seine konkave Form das Licht einfangen und bündeln würde. Mit dem Lichtstrahl könnte dann gezielt ein kleiner Punkt auf der Erdoberfläche angepeilt werden. Das Antreiben von Heißwasserturbinen und Erzeugen von Strom wäre hierdurch möglich, dachte sich der Visionär. Oberths Idee war zu dieser Zeit freilich nicht realisierbar. Weder hätte sein Spiegel in die Umlaufbahn gebracht werden können. Noch wäre der Bau eines derartigen Konstruktes überhaupt vorstellbar. Trotz, dass der Jules-Verne-Verehrer Machbarkeitslösungen wie vorgefertigte Baustücke vorweisen konnte und schon über Versorgungs- und Wartungsmissionen sinnierte.

So verblieb die Vision in der Schublade. Erst zur Zeit des zweiten Weltkrieges stieß die Idee des Kosmosspiegels wieder auf Interesse – und zwar in den Kreisen des deutschen Militärapparates. Doch dachten die Nazis nicht ans effektive Erzeugen von Strom! Nein, sie wollten mit dem Spiegel feindliche Truppen und Städte ausbrennen; gleich einem Kind, das mit einem Brennglas Ameisen röstet und ähnlich Archimedes Vorstellung eines Hitzestrahlers. Eine irrsinnige Idee! Doch war zu dieser Zeit, jede noch so wahnsinnige Idee für umsetzbar gehalten worden. So machte sich eine Gruppe von Wissenschaftlern in der Heeresversuchsanstalt Hillersleben, Sachsen-Anhalt daran, basierend auf Oberths pazifistischer Idee, einen orbitalen Todesstrahl, das sogenannte „Sonnengewehr“ zu konstruieren. Allerdings stießen die Ingenieure auf einige kleinere Denkfehler, die Oberth begangen hatte. So zeigte sich bei Nachberechnungen, dass ein 100-Meter-Spiegel nicht ganz ausreichen würde, um eine nennenswerte Strahlungsbündelung zu gewährleisten. Stattdessen müsste der Parabolspiegel mindestens 3 Kilometer im Durchmesser vorweisen und in 8200 Meter Höhe über der Erde schweben, um wirklich als Waffe zu taugen. Das schreckte jedoch nicht.

Im Gegenteil. Die rund 150 Forscher in Hillersleben dachten Oberths Idee noch weiter und planten, den Spiegel im All zur voll ausgestatteten Waffenstation mit umfangreicher Langzeitbesatzung auszubauen. Es sollte Kontroll- und Wohnräume unter der Spiegelfront geben. Strom würde durch Dampfdynamos erzeugt werden, die durch die Hitzestrahlung der Sonne betrieben würden. Sauerstoff hingegen könnte durch Hydrogärten an Bord gesichert werden. Und um sich im schwerelosen All bewegen zu können, sollten die Nazi-Astronauten mit Magnetstiefeln ausgerüstet sein. Ständig würde die Besatzung per Funk mit dem Boden in Kontakt stehen und auf Anweisung durch die übergeordneten Führung warten. Käme ein Angriffsbefehl, sollte die Sonnengewehr-Crew den gigantischen Spiegel mit an den Außenkanten angebrachten Navigationstriebwerken in Stellung bringen. Dort würde die schimmernde Oberfläche dann das Sonnenlicht einfangen und in einem konzentrierten Strahl zur Erdoberfläche werfen. Wie groß der Wirkungsbereich gewesen wäre? Unklar. Doch sollten mit dem Weltallspiegel tatsächlich Städte, Armeen und Kornfelder in Brand gesetzt und Wasserreservoirs ausgetrocknet werden.

 So durchdacht, bliebe noch das Problem, wie das Sonnengewehr eigentlich ins All kommt. Hierfür wollten sich die Nazis nahe an Oberths Pläne halten: die Station würde auf der Erde in Teilen vorgefertigt. Per A11-Rakete, eine mehrstufige Variante der V2, würden die einzelnen Baugruppen an ihren Bestimmungsort geschossen, wo sie von Astronauten dann nur noch zusammengesetzt werden müssten. Doch soweit kam es nicht. Das Projekt wurde im letzten Kriegsjahr gestoppt als klar wurde, dass das der Todesstrahl weder rechtzeitig fertig gestellt noch einsatzbereit gewesen wäre. Außerdem wurden die Ressourcen, die das Projekt verbrauchte, nun an anderer Stelle benötigt.

Als die Alliierten Nazi-Deutschland letztlich niedergerungen hatten, stellten sich viele deutsche Wissenschaftler den Siegermächten. Darunter auch Forscher aus Hillersleben. Hierdurch wurde auch erst die Existenz des Projektes aufgedeckt, das seinerzeit dann Schlagzeilen u.a. in der New York Times und dem Time Magazine machte. Den US-Medien sagte Lieut. Colonel John A. Keck, Ingenieur und Militärfachmann für Technik, dass er erstaunt war, mit welcher pragmatischen und praktischen Denke, die deutschen Wissenschaftler sich an das unvorstellbare Rüstungsprojekt wagten.
 
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