Montag, 20. August 2012

ISOBAR

     
 
Er kommt doch noch! Er kommt nicht! Wird er nun verfilmt oder ist der Streifen nun gänzlich tot? Seit den 80ern dreht ein faszinierendes Filmscript seine Runden, schafft es aber nicht, verfilmt zu werden. Und das obwohl einige der erfolgreichsten Regisseure und Produzenten Hollywoods sich daran versuchen wollten.

Bereits 1987 hatte die für Total Recall, Terminator 2, Red Heat und die Rambo-Serie bekannte Filmfirma Carolco Pictures die Rechte an einem Script eines interessanten Science-Fiction-Horror-Films erworben. Autor desselben ist Jim Uhls, der später durch sein Drehbuch zu Fight Club zu Ruhm und Ehre kommen sollte. Die Idee hinter dem Streifen mit den vorläufigen Namen Dead Reckoning ist einfach aber ein nettes Gedankenspiel: in einer finsteren Zukunft sollen ultra-schnelle Untergrund-Zugsysteme die im Autoverkehr erstickende Großstadt Los Angeles entlasten. In einem davon wird insgeheim eine genetisch veränderte Lebensform transportiert, die im Zuge eines wissenschaftlichen Experiments zum Träger einer Künstlichen Intelligenz werden soll. Wie Uhls dem Autor des Buches Tales from Development Hell erzählt, hatte er eine eindrucksvolle Szenerie vor seinem geistigen Auge gesehen: eine von Straßen zerfaserte Dystopie, die vollkommen gepflastert ist, von hupenden Autos, die im Stau nicht vorwärts kommen.

Als Regisseur dieses Films sahen die Chefs von Carolco Ridley Scott, dem Mann, der mit Alien einen Riesenerfolg gefeiert hat – doch mit seinen letzten Werken wie Blade Runner und Legend zumindest keinen Kassenschlager mehr vorweisen konnte. Und tatsächlich soll Scott 1988 auf das Angebot eingegangen sein. Sofort habe er auch H. R. Giger kontaktiert, den Schweitzer Designer, der einst das Alien entworfen hat. „Für mich gab es nichts großartigeres als das. Ich war begeistert und akzeptierte sein Angebot sofort“, schreibt Giger in seinem Buch Giger's Film Designs. Der Künstler aus Chur begann auch gleich mit der Arbeit, da Scott versichert habe, alsbald auch alles schriftlich mit Carolco unter Dach und Fach zu bringen – denn bis dato war alles lediglich ein Handschlaggeschäft ohne Sicherheiten und Zusagen. Giger erdenkt in seinem Überschwang und Kreativrausch für den derweil unter dem Arbeitstitel The Train laufenden Film verschiedene Designs für Hochgeschwindigkeitszug, der wie für ihn typisch ein Gebilde von biomechanischen Elementen geworden wäre: Arme ragen aus den Seiten und halten die Laufräder, Rippen überspannen die Wagons und ein skelettöses Gesicht prägt die Front. Dazu Haltestellen für das Gebilde, die unter anderem an Bauchhöhlen und Münder erinnert haben sollen. Und sogar ein neuartiges wie ekliges Notrettungssystem für die Passagiere hatte er im Sinn.
… die Passagiere werden in einer Spontanen Ejakulation von weichem Schaum ausgespritzt.
Doch wusste Giger zu dieser Zeit nicht, dass Scott währenddessen schon die Zusammenarbeit mit Carolco Pictures aufgegeben hatte. Ihm wäre zu wenig kreative Freiheit eingeräumt worden, das Projekt auf seine weise zu realisieren. Als Giger das erfuhr, war er verständlicherweise verärgert. Dennoch war seine Arbeit nicht umsonst: eines der Designs für den Zug findet sich heute im Sci-Fi-Horror-Film Species für den er eigentlich nur das außerirdische Wesen Sil designen sollte.

Nach der Aufgabe Scotts wollten Carolco Pictures und der hauptverantwortliche Produzent Joel Silver das Projekt jedoch nicht einfach aufgeben. Stattdessen wurde der Titel kurzerhand in ISOBAR umgeändert - das einst Titel eines Schwarzenegger-Films gewesen war, der sich allerdings im Sand verlief – und eigentlich in „Linien gleichen Luftdrucks“ in der Meteorologie und „Atomkerne mit gleicher Nukleonenzahl“ bezeichnet. Im Film hingegen ist Isobar ein Akronym für „Intercontinental Subterranean Oscillo-magnetic Ballistic Aerodynamic Railway“. Gleichzeitig wurde das Script generalüberholt um auf der Höhe der Zeit zu bleiben, ansprechender zu werden und ein größeres Publikum gewinnen zu können. Statt LA verbindet das Untergrund-Zugsystem nun ganze Städte und Kontinente, die nach einer Umweltkatastrophe unter der Erde liegen. Und das todbringende Wesen ist eine genetische Mutation, das sich einst den unwirtlichen Bedingungen der Erdoberfläche angepasst hat und zur Untersuchung per Bahn in ein Labor gebracht werden soll. Als es ausbricht versucht es sich den neuen Umweltbedingungen durch Evolution anzupassen – wofür es Adrenalin braucht, das es aus den Menschen im Zug saugen will. Diese Story schien für Carolco perfekt zum aufsteigenden deutschen Regisseur Roland Emmerich zu passen – der später mit Indipendence Day bekannt werden sollte. Und tatsächlich flog Emmerich hierfür in die USA und war interessiert. Allerdings: er brachte seinen Partner Dean Devlin mit, der das Script für ihn passend erneut überarbeiten sollte. Das tat er auch – unwissend darüber, dass Joel Silver unabhängig davon ebenfalls eine Neufassung von ISOBAR durch Stirb Langsam-Autor Steven de Souza anfertigen ließ. Auch waren schon Sylvester Stallone und Kim Basinger als Hauptdarsteller im Gespräch und ein Budget von 90 Millionen US-Dollar quasi abgesegnet. Die Produktion hätte also beginnen können. Doch: Emmerich gefiel das Drehbuch von de Souza nicht im geringsten, der es mit neuen Charakteren und einem eher emotionalen Ende aufhübschte. Stattdessen wollte Emmerich lieber Devlins Version verfilmen. Die Produktionsfirma stimmte nicht zu und Emmerich ging.

Seitdem blubberten immer wieder Infos und Gerüchte um eine Neuangriff des Projektes an die Oberfläche. 2006 hieß es etwa, Peter Winther wolle den Film umsetzten. Dazu gekommen? Ist's offensichtlich nicht.
 
Copyright © 2014 Great Things Never Made All Right Reserved
Designed by OddThemes