Donnerstag, 1. November 2012

Cloud Nine

     
 
Richard Buckminster Fuller wurde zu seinen Lebzeiten von vielen als optimistischer Spinner und verblendeter Utopist abgetan. Heute gilt der Architekt, Erfinder, Systemtheoretiker und Philosoph als Visionär – und Inspirationsquelle der Kunst und Popkultur. Denn der Amerikaner erdachte futuristische Welten, idealtypische Gesellschaftsordnungen und Konstrukte, die glatt einem Science-Fiction-Film entsprungen sein könnten: darunter das Wolkenstadt-Projekt Cloud Nine.

Tatsächlich war der 1895 geborene und 1983 verstorbene Richard Buckminster „Bucky“ Fuller anders als viele seiner Architekten-Zeitgenossen. Er entstammte einer reichen Familie ging aber dennoch fast Pleite, war kurz davor, sich im Lake Michigan zu ertränken und startete letztlich ein gigantisches Experiment, dessen Versuchskaninchen er sein sollte: er wollte sehen, wie stark ein einzelner Mensch die Welt prägen könnte. So zog er sich wie einst Münchhausen selbst aus dem Treibsand des Lebens und startete eine Karriere, die mit kaum einer anderen vergleichbar war. Vom Versager und Studienabbrecher über einen Handlanger und Hilfsarbeiter wurde das Multitalent letztlich zu einem der berühmtesten Architekten der Welt. Unter dem „Franchise“-Namen Dymaxion entwickelte er Autos, Häuser und sogar eine eigene Art der Kartographie. Aber vor allem hatte er ein Fable für geodätischen Kugeln und Kuppeln und entwickelte das sogenannte Tensegrity! Etwas, das die Wikipedia deutlich besser erklären kann als ich...
Es bezeichnet die Richard Buckminster Fuller und Kenneth Snelson zugeschriebene Erfindung eines stabilen Stabwerks, in dem sich die Stäbe nicht untereinander berühren, lediglich durch Zugelemente (zum Beispiel Seile) miteinander verbunden sind. Im verallgemeinerten Fall sind die lediglich Druckspannungen unterworfenen Stäbe durch beliebig geformte starre Körper ersetzt, in denen durch die verbindenden Zugelemente auch Biege- und Schubspannungen erzeugt werden. Ein Beispiel ist das schon vor der Erfindung des Tensegrities bekannte Speichenrad, das aus Nabe, Speichen und Felge besteht. Die dünnen Speichen wirken hier als Zugelemente. Die mit ihnen miteinander verbundenen starren Körper sind die Nabe und die Felge. In der Felge wird bei radialer Belastung der Druckspannung auch Biegespannung überlagert.
Aus eben diesen geodätischen Kugeln in Verbindung mit seiner Tensegrity-Technik ersann er im Jahre 1960 gemeinsam mit dem Architekten Shoji Sadao am Himmel schwebende, in riesige Kugeln gelagerte Städte: das Project for Floating Cloud Structures – besser bekannt als Cloud Nine. Eine Meile – 1,6 Kilometer – und mehr sollten die Spähren durchmessen und bis zu 7.000 Menschen eine Heimat bieten. Laut Fuller könnten sich diese Gebilde selbst und ohne Zutun in der Luft halten: einfach da das durch die gigantische Sphäre gegebene Oberfläche-zu-Volumen-Verhältnis dieses bedinge. Wenn eine Sphäre größer wird, wächst das eingeschlossene Volumen stärker als dessen Masse. Schon mit Zimmer-warmer Luft im Inneren würden sie schweben wie ein Heißluftballon. Mit kaum fühlbaren Temperaturänderungen ließe sich die Höhe regulieren.

Ebenfalls, hoffte Fuller, könnten sich diese Mini-Städte gleich einer Arkologie komplett autark versorgen: Nahrung würde in Farmen abgebaut, Wasser stets aufbereitet und recycelt und Elektrizität mit Solarzellen gewonnen. Wie die eingeschlossenen Städte jedoch im Inneren genau arrangiert wären oder ausgesehen hätten ist unklar. Doch ist für sie eine bis an den Rand gleitende Kugelform und ein Wolkenkratzer-gleicher Aufbau denkbar. Am Boden der Cloud Nines hingegen könnte ein Panoramadeck aus Glas liegen, da Fuller davon träumte, dass die Sphären-Städte frei umher schweben und dessen Bewohner so die Welt sehen. Gleichzeitig sollten die Wolkenstädte ebenfalls an Bergen verankert werden können und die Bewohne mit Solar-getriebenen Flugzeugen zwischen den Städten hin und her reisen.

Fuller selbst hatte keine Hoffnung allzu bald eine Cloud Nine am Himmel zu sehen. Doch erachtete er die Vorstellung als romantisch und ein interessantes Gedankengebilde, das man den zukünftigen Generationen mit auf den Weg geben sollte. Und tatsächlich lebt die Idee auch heute noch fort: so stellte der Designer und Architekt Tiago Barros von Cargo Collective 2011 sein Projekt Passing Cloud vor, das mehrere zu einer Wolke zusammen-geschachtelte Ballonkugeln zu einer großen Schwebestadt verbinden soll.
 
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