Dienstag, 1. Januar 2013

LUNEX - Die Mondlandung im Jahre 1967

     
 
Was wäre das für ein Bild gewesen. Am 20. Juli 1969 landet die Apollo-Mondfähre auf unserem Erdtrabanten. Neil Armstrong steigt die dürre Metalltreppe hinunter, taucht um genau 20:17 seine Stiefel in Mondstaub, spricht die so berühmten Worte. Doch dann: er dreht sich um, blickt fassungslos drein. Denn im Hintergrund erkennt er die glänzende Hülle der Mond-Basis über der eine US-Flagge weht. Totaler Blödsinn? Sicher! Doch tatsächlich wäre sich die USA bei der Mondlandung fast selbst zuvor gekommen. Denn die US Air Force plante mit Projekt Lunex im Geheimen einen Trip zum Mond, mit der sie der NASA zumindest einen Tick zuvor gekommen wäre.

Im Mai 1961 hatte US-Präsident John F. Kennedy der amerikanischen Bevölkerung erklärt, dass die Vereinigten Staaten zum Mond fliegen werden. Noch vor Ablauf des Jahrzehntes, so der mächtigste Mann der Welt, werde ein Amerikaner auf dem Mond landen und sicher zur Erde zurückkehren. Zu dieser Zeit war das Apollo-Programm Kennedy natürlich schon bekannt: schon im Jahre 1960, zur Zeit von Präsident Eisenhower, war es von der NASA-Führung als Nachfolgeprogramm zu Mercury in den Hinterzimmern der Regierung vorgestellt worden. Eben als logischer Folgeschritt zur weiteren Eroberung des Weltalls im Namen der Menschheit und der Bürger der USA. Doch hatte die US Air Force schon zwei Jahre zuvor, also 1958, ein weitaus ambitionierteres aber auch militärischeres Programm für die erste Mondlandung ausgearbeitet und am 29. Mai 1961 vorgelegt. Sein Name: Lunex – kurz für Lunar Expedition Plan. Ein Projekt, das den Mond weniger als Sprungbrett in die weiten des Alls als vielmehr als militärischen Vorposten sah – und weitaus weiter ging, als nur einen Mann auf dem Mond spazieren zu lassen.

Nach dem erst 1997 von seiner Top-Geheimhaltung befreiten Plan, hatte die US Air Force Space Systems Division im Grunde die gleichen Ziele wie die Zivilisten der National Aeronautics and Space Administration. Doch wollten die Militaristen auch einiges anders machen. So sieht der Plan zu Lunex eine Landung schon im Jahre 1967 – also zwei Jahre vor Apollo – vor. Ein Jahr das hauptsächlich angepeilt wurde, wie die Dokumente beschreiben, um „der USSR zuvorzukommen“ und zu demonstrieren, dass „diese Nation zukünftige Rennen im Technologiewettlauf“ gewinnen wird. Obendrein plante die Air Force im Gegensatz zur NASA einen sogenannten „direkten Schuss“ - bei dem also ein Raumschiff direkt auf dem Erdtrabanten landet statt im All aufzutanken oder via eine abgekoppelten Landefähre zur Oberfläche zu schicken, während ein Mutterschiff im Orbit verbleibt. In diesem Fall wäre das der sogenannte Lunex Lunar Lander. Ein knapp 10 Meter langer Raumgleiter, der entfernt an das Space Shuttle erinnert.
The key development in this program is the Lunar Transport Vehicle which is composed of the Space Launching System and either the Manned Lunar Payload or the Cargo Payload. The Manned Lunar Payload consists of a three-man Lunex Re-Entry Vehicle, a Lunar Launch Stage, and a Lunar Landing Stage. The same Lunar Landing Stage, plus a cargo package, composes the Cargo Payload. The relative effort required for the development of these two payloads in comparison with other portions of the complete Lunar Expedition Program is shown in Figure 2-1. A breakdown of the Lunar Transport Vehicle is shove in Figure 2-2.
Mit drei Mann Besatzung an Bord sollte das Raumschiff mit Stummelflügelchen bevor es ernst wird, zwei Test-Flüge hinter sich bringen. Zunächst eine Umkreisung der Erde und anschließende Landung im April 1965 und September 1966 einen Kreisflug um den Mond. Zwischen beidem wäre in Vorbereitung der folgenden Großtat – des echten Mondfluges - jedoch mindestens noch ein unbemannter Vorausflug nötig gewesen: Juli 1966 – eben anschließend an den Lander-Testflug -, würde eine Lastensone, eine Art Depot für die Mondlandecrew anlegen. Es sollte einen für den Wiederaufstieg nötigen Treibstofftank in den als Landezone angepeilten Kepler Krater abwerfen. Ebenso sollten gleichfalls in den Krater vorausgeschickte und entsprechend technisch angepasste Suveyor-Sonden als Sender und Anpeilmarkierungen für die Fähre dienen. Dass diese Missionen gelingt, wäre für die folgende Mondlandung unabdingbar gewesen. Dennoch waren die Planer dieser Tage optimistisch und hatten kaum Zweifel an den Erfolgsaussichten.

Ein Jahr später, im August 1977, würde dann der eigentliche Flug stattfinden. Drei der Besten der Besten der USAF sollten im Lunex Lunar Lander von der Cape Canaveral Air Force Station ins All starten. An der Spitze einer der stärksten Raketen, die der USA zur Verfügung stehen. Einer BC-2720-Rakete – an die 60 Tonnen kann dieses Monstrum tragen. Aus der Erdatmosphäre und auf dem Weg zum Mond, würde die Crew nach knapp zweieinhalb Tagen den Erdtrabanten erreichen. Liefe dann alles glatt, könnte die Crew den Lunex Lunar Lander in seiner VTO-Position – mit der Nase nach oben - und damit für Rückflug bereit auf seinem Dreibein auf der Oberfläche aufsetzten lassen; möglichst im von den Suveyor-Sonden markierten Bereich und damit in unmittelbarer Nähe des Versorungsmoduls mit dem Treibstoff für den Rückstart. Was folgen sollte, wäre dem Treiben der Apollo-11-Astronauten nicht unähnlich gewesen: symbolisches und propagandaträchtiges Flagge-Aufstellen, Sammeln von Gesteins- und Staubprobem. Photographisches Dokumentieren des Umfeldes und des Missionserfolges. Aber auch: erste Vorbereitungen für die Errichtung einer militärischen Mondbasis sollten die Astronauten treffen.

Nach der Mondlandung, der Rückkehr der Crew sollten weiter mehrfach Raketen mit Versorgungsladungen für einen Aufbau-Trupp starten. Lebensmittel, Wasser, Sauerstoff, Material für eine dauerhaftes Funknetzwerk und ganze Wohneinheiten sollten zum Mond geschossen werden. Gefolgt gar von einem “handlichen” Atomkraftwerk - ähnlich wie es im US-Antarktik Programm Project Iceworm getestet wurde -, das die Mondbasis der “Permanently Manned Lunar Expedition” mit Strom versorgen sollte. Ab 1968 sollte diese Basis schon provisorisch aber dauerhaft von einer ständigen Besatzung betrieben werden. Ab 1971 hingegen sollte ihr Bau abgeschlossen sein und sich in einer Weiterentwicklungsphase befinden. Da ist etwa von der Anlieferung von “ weiteren militärischen Gerätschaften” die Rede: Abschussrampen für Atomraketen auf dem Mond werden hier gerne hinein intepretiert.

Doch geworden aus Project Lunex ist nichts. Die US-Regierung entschied sich für die Pläne der NASA. Obendrein war Lunex von vornherein zu überambitioniert, gigantonmanisch und militärischem Gedankengut getrieben. Die dauerhaften Betriebskosten für eine Mondbasis wären wohl kaum zu decken gewesen; es wurde Technik vorausgesetzt, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht existierte. Doch war Lunex auch hilfreich: viele der vorangegangenen Errungenschaften in Sachen Raketen- und Triebwerksforschung kamen Apollo zu Gute. Ohne Lunex wäre der Bau der Saturn-Raketen wohl nie oder nicht so schnell möglich gewesen. In Lunex festgestellte Probleme konnten bei Apollo von vornherein vermieden werden. Und sowieso fanden sich einige der hellen Köpfe der Air Force alsbald im Reigen der NASA wieder. So lässt sich sagen: ohne Lunex wäre Apollo 11 wohl nicht der Erfolg gewesen, der es war.
 
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