Mittwoch, 25. September 2013

The Tourist

     
 
Dieser Film könnte einer der besten und bizarrsten Science-Fiction-Streifen sein, der jemals erdacht wurde. Zumindest gibt es so einige Personen, die dieses von „The Tourist“ glauben. Andere halten ihn für unsinnigen Quatsch, der alleinig durch seine abnormen Szenen hätte Aufmerksamkeit erlangen können. Unbestritten ist: das Skript zu diesem Film galt über Jahre als eines der meistdiskutierten und umstrittensten in Hollywood und hat das Interesse so einiger Regiegrößen geweckt – und sogar den „Alien“-Designer HR Giger angeregt. Aber vor allem hat dieser Film vielen Menschen Schmerz bereitet und Unglück gebracht.
Grace Ripley ist eine junge und unverschämt attraktive Frau - aber auch exzentrisch. Sie arbeitet seit Jahren in einem gesichtslosen Unternehmen namens Seaman & Seamans in Manhatten, das den Charme einer schimmligen Scheibe Toast versprüht. Sie hasst ihren Job, ihr langweiliges Leben und ist eigentlich stets kurz davor, sich aus dem Fenster zu stürzen. Doch eines Tages bekommt sie plötzlich Nachrichten von einem gewissen Frogner zugesandt, der Geschäfte mit ihr machen will – etwas, das ihrem so grauen Leben einen gewissen Thrill einhaucht. Auf einer Geschäftsfeier trifft sie endlich auf jenen Unbekannten: einen verdammt unattraktiven und fahrigen Kerl. Als sich die beiden trotz der auffallenden Gegensätzlichkeit nach kurzer Zeit ziemlich nahe kommen und in die Augen schauen, erkennen sie ineinander etwas, das sie bis ins Mark erschüttert. Frogner ist entsetzt, er läuft davon. Grace hinterher … doch der merkwürdige Unbekannte ist urplötzlich verschwunden.

Über die kommenden Tage setzt Grace alles daran, Frogner aufzuspüren. Sie geht Hinweisen nach und befragt Freunde und Bekannte dieses verqueren Fremden. All das führt sie letztlich zu einem Beerdigungsinstitut. Sie geht hinein, entdeckt und öffnet eine geheime Tür in einer Wand und betritt eine unbegreifliche Parallelwelt: eine krude Mischung aus Biker-Bar und Konzentrationslager zieht sich dahin. Dieser geheime Ort ist bekannt als „The Corridor“. Verschiedenste außerirdische Wesen und Monstren hängen hier ab, wie betrunkene Truckfahrer und Biker in einer heruntergekommenen Raststätte. Es ist ein Ort von dem Sie schon in Gerüchten und Legenden gehört hatte. Denn Grace ist dort keine wirkliche Fremde, sondern selbst ein Wesen von einer anderen Welt, wie spätestens jetzt klar wird. Ein wurmartiges Geschöpf von einem Planeten regiert von der sexuellen Begierde, das unbedingt wieder nach Hause will. Denn wie alle Extraterrestrischen auf der Erde, ist auch Grace ein Exilant und gegen ihren Willen hierher verbannt. Frogner? Er ist ihr nun scheinbar nicht mehr wichtig. Stattdessen erkennt sie die Chance, einen Weg nach Hause zu finden und hört tatsächlich von einem gewissen John Taiga, der ihr diesen aufzeigen könnte...

… ab hier, so schreibt etwa Drehbuch-Kritiker ScriptShadow, driftet das Skript zu „The Tourist“ ins vollkommen Bizarre ab. Und tatsächlich: es entspinnt sich eine groteske Odyssee, die Grace in finstere Häuser voller Leichen und herumliegender Augäpfel führt. Im Alien-Lager lässt einer der Außerirdischen eines seiner Tentakel in Grace' Höschen - und noch viel weiter - gleiten. Phantasien über Liebesakte von gigantischen Wurmwesen auf fremden Welten sollten gezeigt werden. Leute weben sich während des Koitus in wabernde Kokons und sterben darauf. Wer nun wissen will, wie diese ganze Geschichte endet, der kann das gerne hier nachlesen.

Erdacht wurde diese surreale Vision von Comic-Schreiberin Clair Noto, die diese um 1980 als Drehbuch für die Universal Studios umsetzte. Die Idee hierzu kam Noto durch den Film „Der Tag an dem die Erde still stand“: der Szene als Michael Rennie, ein Außerirdischer, in seinem Raumanzug auf die Erde kommt und ab der nächste Szene bis zum Ende als Mensch im schicken Anzug und Krawatte unter den Menschen umhergeht. Sie war fasziniert von der Idee, dass ein extraterrestrisches Wesen völlig unerkannt unter uns wandeln könnte. Tatsächlich traf Noto damit den Geist der Zeit: der rebellische New-Wave-Stil, Sex, Moral-Dilemma und Xenophobie spiegelte dieser Film wieder – oder hätte er zumindest. Und als die Autorin ihr Werk einreichte, gelangte es direkt zu Studio-Chef Sean Daniels, der sich sehr dafür erwärmte und es selbst überarbeiten wollte. Doch übernahm er sich mit den 50-Seiten-Stück und übergab es zur weiteren Anpassung an Produzentin Renee Missell, die bis dato an eher kleineren Produktionen mitgewirkt hat. Mit ihr hatte Clair keinen Kontakt – und das angeblich aufgrund persönlicher Abneigung, die auf Gegenseitigkeit beruhte. So kam es, dass sich Noto letztlich bei ihrem eigenen Film außen vorgelassen fand. „Als sie es mir wegnahmen, war sie verdammt eklig zu mir“, zitiert HR Gigers „The Tourist“-Seite Noto. Immerhin: „The Tourist“ sollte realisiert werden und als Regisseur fand sich der preisgekrönte Engländer Brian Gibson eingesetzt. Doch haderte dieser ebenso wie Missell mit dem unkonventionellen Stoff und der New-Wave-Struktur – sie schienen nicht damit zurande zu kommen. Daher wurde der erfolgreiche Drehbuchautor Dan O’Bannon eingekauft, der gerade mit Ridley Scott „Alien“ realisiert hatte und damit auf einer Welle des Erfolges schwamm. Er sollte das angeblich schwierig verfilmbare Skript erneut umschreiben und in eine verfilmbare Form bringen – auch da sich Missell geweigert haben soll, zu Notos ursprünglicher Fassung zurückzukehren, um nicht ihren Namen im Abspann sehen zu müssen. So änderten sich Charaktere, der Handlungsort und die gesamte Ästhetik des Filmes, so dass er auch ein größeres Publikum hätte erreichen können.

Zu dieser Zeit war es auch, dass der schweizerische Künstler HR Giger zu „The Tourist“ stieß. Noto selbst soll ihn einst erwähnt haben – doch wird auch O’Bannon eine Rolle gespielt haben, schließlich hatte Giger das Alien für Scotts Science-Fiction-Erfolg entworfen. Doch bekam Noto Gigers verstörende Entwürfe seinerzeit nie zu sehen: sie zeigen fette Kreaturen mit mehreren Armen und senkrechten Mündern, Federmausmenschen und in Glasbehälter schwimmende Torsi und Wesen ohne Beine, die durch den Corridor wandeln. Oder kurz gesagt: ziemlich schrägen Scheiß. Dennoch ging es mit „The Tourist“ weiterhin nicht vorwärts, was Noto veranlasste, eine Klausel in ihrem Vertrag zu nutzen, der es ihr ermöglichte, aus dem Vertrag auszusteigen. So nahm sie ihre Idee, ihr Skript und ging damit zu Francis Ford Coppolas Studio Zoetrope. Francis George Roddam war dort seinerzeit engagiert und verliebte sich sofort in Notos bizarre Geschichte. Er sah, genau wie Noto einen potentiellen Kultstreifen. Einen, der wie die Rocky Horror Picture Show oder Citizen Kane die Zeit überdauern könne. Allerdings fehlten seinerzeit die finanziellen Mittel, um die Liebe Film werden zu lassen. Auch beharrte Universal darauf, weiterhin die Rechte an „The Tourist“ zu besitzen, was das Skript als endgültig gestorben besiegelt.

Dennoch keinem auch heute hie und da immer wiedermal Gerüchte, dass jemand nach all den Jahren nun doch die Geschichte umsetzten wird. Jemand den Unverfilmbarkeitsfluch bricht. Doch dass dies wirklich passiert, das scheint bisher eher unwahrscheinlich. Vielleicht ist das auch gut so, denn wie Noto selbst gesagt habe: „The Tourist hat niemals jemanden etwas gutes gebracht. Er hat viele Menschen verletzt.“
 
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