Samstag, 17. Januar 2015

Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger ist eines der schönsten Bücher, das ich je gelesen habe. Und Ang Lees Verfilmung gehört wohl zu den visuell eindrucksvollsten, betörendsten und imposantesten Filmwerken überhaupt. Allerdings war der taiwanesische Tiger-and-Dragon-Regisseur eigentlich nur zweite Wahl gewesen. Nachdem Yann Martels Roman 2001 erschienen war, sich zunächst zum Geheimtipp und später zum preisgekrönten Buchhit entwickelte, äußerten mehrere Filmschaffende Interesse an dem spirituellen wie auch anrührenden Stoff. Darunter unter anderem Gravity-Regisseur Alfonso Cuarón and The-Sixth-Sense-Macher M. Night Shyamalan. Doch als 20th Century Fox die Rechte für eine Lichtspielumsetzung erworben hatte, war's der Franzose Jean-Pierre Jeunet der um 2005 angesprochen wurde, ob er sich eine Kinofassung von Life of Pi vorstellen könnte. Denn keiner schien Fox für's Wuchten des visuell wie emotional anspruchsvollen Werkes besser geeignet als der, für seine optisch extravagant umgesetzten Kunstwerke geliebte, Regisseur von Die fabelhafte Welt der Amélie und die Die Stadt der verlorenen Kinder.

Zunächst war der Franzose verunsichert. Zu mächtig, zu detailverliebt erschien ihm die Buchvorlage. Doch letztlich war Jean-Pierre Jeunet gerne bereit, die Herausforderung anzunehmen. „Ich akzeptierte ihr Angebot unter der Bedingung, dass ich auch das Drehbuch schreiben darf“, erzählte Jeunet dem Magazin Blackbook. Er wollte den Roman nicht einfach als Film adaptieren, sondern eine Umsetzung samt Änderungen gestalten. Und tatsächlich gelang ihm ein Skript, das auf sehr viel Gegenliebe stieß. Selbst Martel hätte es geliebt. Jeunet ließ dann Modelle vom Boot und den Tieren anfertigen, machte über vier Monate hinweg Photos und setzte so ein Photo-Storyboard zusammen, das Szene für Szene den potentiellen Film zeigt.

Jean-Pierre Jeunet hatte wirklich große Pläne, er flog für eine aufwändige Drehortsuche um die Welt. Die Bootsszenen wollte er etwa in einem riesigen Wasserbecken an der Küste der spanische Hafenstadt Alicante drehen. Dazu wollte er lebende Tiere – ja, auch einen echten Tiger. Er kalkulierte ein ganzes Jahr für die Produktion ein. „Die Zahlen kamen rein und wir lagen bei 85 Millionen US-Dollar Produktionskosten“, erklärt Jeunet. „All das für ein indisches Kind mit Tiger auf einem Boot.“ Auch Fox fand das Budget absurd. 59 Millionen hatte das Studio eigentlich einkalkuliert – und mehr wollte man auch nicht ausgeben. Jedoch fand Jeunet auch keine Möglichkeit, seine Vision günstiger umzusetzen. So schlug Fox ihm vor, er könne den Film ja auch selbst finanzieren. Zu dieser Zeit hatte der Regisseur schon zwei Jahre seines Lebens in das Projekt investiert.

Allerdings erachtete er es ebenso als unrealistisch, die 85 US-Dollar selbst aufzubringen. Er hatte das Gefühl, das Projekt würde sein Leben auffressen und letztlich wohl einfach zu viel Zeit kosten. Immer wieder habe man ihm gesagt, würde er noch einige Jahre warten, dann könne man die Tiere im Computer generieren, weil dann realistisches Fell möglich sei. All das wollte Jeunet nicht. Er gab das Projekt an Fox zurück und wendete sich wieder gänzlich eigenen Projekten zu.
 
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